Ullrich Kerker
aus der Mappe: "Sechs Linolschnitte", 1997, Auflage 25 Exemplare
ohne Titel, Walzendruck, 2006, 70 x 100 cm
ohne Titel, Radierung, 2008, 40 x 50 cm
ohne Titel, Tuschezeichnung, 2008, 131 x 81 cm
Tauchbild, 2008, Gouache auf Bütten, 100 x 70 cm
"Farblauf", 2009, Gouache auf Bütten, 42 x 29,7 cm
zu ullrich kerkers 'farbläufe'
ullrich kerker bezeichnet mit farbläufe eine von ihm hergestellte künstlerische mappe mit drei blättern in den farben blau, rot, grau, sowie einem vorsatzblatt und zwei textblättern. das format der blätter beträgt ca 30 x 42 cm. es handelt sich um 350 g/m2 schweres büttenpapier. die mappe wurde in einer auflage von 50 exemplaren und zusätzlich 5 exemplaren, die als e.a. gekennzeichnet sind, vom laboratorium/institut für aktuelle kunst im saarland in saarlouis, herausgegeben.
kerker schreibt in einem der textblätter der mappe zu diesen arbeiten: "Dies ist eigentlich eine eher untypische Arbeit für mich; ich beschäftige mich als Grafiker und Radierer mehr mit der gezeichneten, geritzten, geätzten Linie, oft mit Liniengefügen; und diese sind zumeist von einer (Nicht-) Farbe, nämlich Schwarz.
Von einem Venedig-Aufenthalt im Juli dieses Jahres angeregt, begann ich mit Farbmengen (in Wasser gelösten Gouachefarben) zu experimentieren. Diese brachte ich nicht mit dem Pinsel o.ä. aufs Papier, sondern ich versuchte, ein Fließen und Fluten der Farbe zu bewirken, indem ich das Papier durch unterschiedliche Handhabungen in die Flüssigkeit eintauchte und heraushob. Sichtbar bleiben die Spuren eines Farb-Meeres auf der lebendigen Oberfläche des kräftigen Büttenpapieres." kerker hat in diesem text feststellungen zu den aspekten des herstellens und darstellens seiner arbeiten getroffen. beim herstellen und darstellen werden wesentliche gestalterische handlungen vollzogen, die es zu unterscheiden gilt. dietfried gerhardus führt zum problem des zeigens sowie des herstellens und darstellens in konkreter kunst folgendes aus: "ich denke es kommt nicht nur der künstlerischen praxis, sondern genauso jeder auf diese praxis gerichteten theoretischen anstrengung zugute, sich ganz klar darüber zu werden, daß konkrete kunst nicht alles zeigt, was sie macht; sie macht vielmehr alles, um einiges sehr ausdrücklich zeigen zu können. denn, wo schlechtweg alles gezeigt wird, da kann am ende überhaupt nichts gezeigt werden. in den avanciertesten arbeiten konkreter kunst wird im akt des exemplifizierens das unter sach- und personenbezug gezeigte erst hervorgebracht und hergestellt, so daß daraufhin herstellen und darstellen eine bis heute kaum bemerkte picturalsprachliche symbiose eingehen. der artistische gegenstand wird dem ästhetischen gegenstand angenähert in der absicht, künstlerische produktion und ihr resultat und darauf bezogene sinnliche rezeption als zwei seiten derselben sache möglichst weit?gehend miteinander zu verschränken. doch soviel läßt sich gleich festhalten: während das herstellen eines gegenstandes den gegenstand in all seinen teilen und einrichtungen umfaßt, geht es beim darstellen immer darum, eine picturalsprachlich jeweils relevante auswahl vorzunehmen. diese selektion ist die voraussetzung, den eigens hervorgebrachten gegenstand unter eine bestimmte perspektive zu bringen, durch die er erst seine zeichenfunktion zu erfüllen vermag."(dietfried gerhardus: spontaneität und struktur. in: jo enzweiler, oskar holweck, sigurd rompza, klaus staudt/reliefs. ausstellungskatalog kimberlin exhibition hall. hg. dietfried gerhardus.
saarbrücken 1986, s. 13)
zum herstellen läßt sich mit blick auf die arbeiten, ergänzend zu kerkers kurzen ausführungen, folgendes sagen. verwendung finden gouachefarben aus der tube, die in wasser in einem kanister unter kräftigem durchschütteln aufgelöst werden. die verflüssigte farbe wird anschließend in eine kunststoffwanne gegossen, in die die blätter aus büttenpapier getaucht werden. das eintauchen erfolgt derart, daß das blatt mit den händen an der linken und rechten seite gehalten wird, in der mitte leicht nach unten durchhängt und nur dort mit der färbenden flüssigkeit in kontakt kommt. beim herausnehmen läuft die farbe von dem blatt ab und bildet von blatt zu blatt unterschiedlich flächige und zum teil zusätzlich auch lineare gestalten. die blätter werden nun zum trocknen aufgehängt. die ablaufstelle der farbe ist so stets nur an einer blattkante angesiedelt. blätter, die nach dem trocknen flecke zeigen, werden aussortiert. die färbung des blattes ist auch durch die papierstruktur beeinflußt. aufgrund der starken verdünnung der farbe sind die blätter, um abrieb zu vermeiden, mit fixativ behandelt.
hinsichtlich des darstellens läßt sich feststellen: in den blättern sind stets große flächige formen in kontrast gesetzt. die formen besitzen aufgrund der besonderen weise des eintauchens in die farbe einen richtungsverlauf von links nach rechts und umgekehrt; am blattrand sind sie fest verankert. die linearen und flächigen formen umschließen weiße stellen des papiers, die abhängig von der sehweise des betrachters, auch zur figur werden können, ebenso wie die weißen stellen zwischen den farbigen formen und dem blattrand oben und unten nicht nur bildgrund darstellen sondern durchaus auch als figur gelesen werden können.
die formen sind organische formen, jedoch keine typischen fließformen; d.h.,
ihr richtungsverlauf ist nicht von oben nach unten festgelegt, und ausgeprägte fließspuren werden vermieden. zum teil läßt sich in den blättern das herstellen im dargestellten nachvollziehen; herstellen und darstellen sind dann miteinander verschränkt. dies betrifft vor allem die eintauchhandlung, die in besonderer weise formbildend ist, ebenso wie das anschließende aufhängen des papiers mit dem ziel, es zu trocknen. die pastellhaftigkeit ist auf das starke verdünnen der farben zurückzuführen; so stehen die farbformen sehr leicht auf dem nur wenig gebrochenen weiß des papiers. kerker scheint es nicht darum zu gehen, fließen, d.h., materialäußerungen von färbenden mitteln zu zeigen; vielmehr verfolgt er zunächst einmal das ziel, mittels der besonderen herstellungsverfahren großflächige organische formen zu erfinden und deren verhältnis zum bildgrund zu thematisieren.
kerkers arbeiten sind teil der modernen kunstentwicklung. innerhalb dieser „… bietet sich das Terrain der Kunst seit Beginn dieses Jahrhunderts als ein Laboratorium dar, in dem die Voraussetzungen der Kunst, ihrer Elemente, Darstellungsregeln und möglichen Inhalte einer fortlaufenden, einer – wie Marcel Duchamp sagte – ‘ätzenden‘ Probe unterworfen wurden. Das Erscheinungsbild der Werke hat sich dabei grundlegend verwandelt, eine explosions?artige Vermehrung der Darstellungsformen hat stattgefunden, was ein abgegrenztes, komponiertes und auf sich selbst konzentriertes Bild war, findet sich als Objekt, als shaped canvas, als Installation, als Konzeptkunst odgl. wieder.
Die Malerei bastardisierte sich mit Bestimmungen, die man bis dahin dem Relief, der Skulptur, der Architektur zugeordnet hatte, die Verfransung der Gattungen betrifft alle in der Neuzeit bewährten Bildformen." (gottfried boehm: die wiederkehr der bilder. in: was ist ein bild? hg. derselbe, münchen 1994,
s. 36/37) für kerker gilt mit blick auf die ausführungen boehms, daß er an besonderen verfahren des herstellens arbeitet, die sich selbstverständlich auch auf das darstellen auswirken. an verfahren des fließens von färbenden mitteln wurde im 20. jahrhundert bereits mehrfach gearbeitet (u.a. jackson pollock, morris louis). kerker demonstriert hier jedoch eindrucksvoll, wie ein künstler durch das variieren bekannter verfahren zu neuen überzeugenden bildnerischen lösungen gelangen kann.
sigurd rompza
aus: Portrait Ullrich Kerker. Saarbrücken 1998, S. 8-9
Biografie
1953 geboren in Remscheid
1973 Abitur
1973-80 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf bei Prof. Rolf Sackenheim und Dozent Daniel Hees
1978 Meisterschüler bei Daniel Hees
1980 1. Staatsexamen für Kunsterziehung
1981 Ringenberg-Stipendium des Landes Nordrhein-Westfalen
1983-84 Kunsterzieher an einem Remscheider Gymnasium
1985-88 Lehrauftrag für Druckgrafik an der Kunstakademie Düsseldorf
1988-90 Lehrauftrag für Radierung, Lithografie und Typografie an der Universität Gesamthochschule Siegen
seit 1990 Leiter der Werkstatt für künstlerische Druckgrafik an der Hochschule der Bildenden Künste Saar und
seit 1993 Lehrkraft für besondere Aufgaben
seit 1997 Atelier in Forbach, Frankreich
seit 2005 Atelier in Sarreguemines, Frankreich
lebt und arbeitet in Sarreguemines und Saarbrücken
Ausstellungen
Einzelausstellungen
1981 Orangerie Schloß Benrath
1989 Graphothek der Stadt Remscheid
Siegerland Museum, Oberes Schloß Siegen
1994 Gildegalerie Bad Bergzabern
1999 Galerie Schubert, Neunkirchen
2001 Zeichnungen und Druckgrafiken, Buchhandlung Hofstätter, Saarbrücken
2004 Local de arte, Aachen
2006 Galerie S, Aachen
2008 "Arbeiten auf Papier", Kunstverein Dillingen im Alten Schloß
2010 "Quergänge. Arbeiten auf Papier", Galerie im KuBa - Kulturzentrum am EuroBahnhof, Saarbrücken
Ausstellungsbeteiligungen
1981 Ateliercentrum Schloß Ringenberg
1983 Kunstpreis Junger Westen, Kunsthalle Recklinghausen
1985 "Heinrich-Heine-Ausstellung", Kunstpalast Düsseldorf
1986 Jahresausstellung Düsseldorfer Künstler
1988 Städtische Galerie im Rathauspark, Gladbeck
"Einblick '88", Kreishaus Siegen-Wittgenstein
1991 "Schwarzweiße Bilder von der Presse", Mairie Meisenthal
1992 "Bilder & Buchstaben", Universitätsbibliothek Köln
1993 "LichtBilder", Glashaus Galerie Singen
"Zwischenzeit", "Camera obscura im Dialog", Saarländisches Künstlerhaus, Saarbrücken
1995 "Ballwechsel" mit Daniel Hees, Graphothek der Stadt Remscheid
1997 "Künstlerbücher", Graphikwerkstatt, Sionstal, Köln
"Künstlerbücher", Städtische Galerie Haus Seel, Siegen
Ausstellungsraum SB, Saarbrücken
2000 "Venezia Due", Palazzo Albrizzi, Venedig
"Kunst-Szene Saar. Visionen 2000", Moderne Galerie des Saarlandmuseums, Saarbrücken
2001 "Wechselreden" mit Wolfgang Nestler, Kunstsammlungen der Veste Coburg
2007 "100 Bilder für Monschau", Kunst- und Kulturzentrum Monschau
"Estampes sans frontières", Centre culturel de Rencontre Abbaye de Neumünster, Luxemburg
"Frisch gestrichen - peinture fraîche", Jahresausstellung Galerie St. Johann, Saarbrücken
2009 "Venezia tre", Kaserne VI Saarlouis, Palazzo Albrizzi, Venedig, Saarländische Galerie, Berlin
Werke in Sammlungen
Bilbliografie
Monografien
Sammelschriften
Grafische Folgen und Kunstbücher
Quelle
Institut für aktuelle Kunst im Saarland, Archiv, Bestand: Kerker, Ullrich (Dossier 4845)
Redaktion: Sandra Kraemer
letzte Änderung: Freitag, 01.04.2011